Denkendorf/Odelzhausen:
Ein Gespenst geht um in Oberbayern – das Gespenst der Gemeinschaftsschule. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) warnt vor einer "Einheitsschule", der CSU-Bürgermeister von Odelzhausen, Konrad Brandmair, spricht gar von einem "Flächenbrand".
Der Anlass: Zurzeit werden in den Kommunen Denkendorf und Kipfenberg (Landkreis Eichstätt) sowie in Odelzhausen und seinen Nachbargemeinden Modellversuche für Gemeinschaftsschulen vorbereitet. Der "Brandstifter" heißt in beiden Fällen Martin Güll – er sitzt für die SPD im Landtag.
Bis zu seiner Wahl im Jahr 2008 war Güll über 30 Jahre als Hauptschullehrer und Rektor tätig, zuletzt in Markt Indersdorf (Landkreis Dachau). Das von ihm mitverfasste Gemeinschaftsschul-Konzept sieht gemeinschaftliches Lernen bis zur zehnten Klasse vor. Es bietet alle gängigen Bildungsabschlüsse und orientiert sich an den Erfahrungen von PISA-Sieger Finnland, aber auch an Projekten in Deutschland. Es soll die zweite Säule eines neuen Schulsystems neben dem Gymnasium werden. Da selbstverantwortliche Lernformen im Vordergrund stehen, könnte der Schultyp auch an Standorten mit kleinen Schülerzahlen eingeführt werden, versprechen die SPD-Bildungspolitiker.
Zurzeit erarbeitet Güll mit einem Schulentwickler-Team und Mitgliedern des Vereins "Bildung am Limes" aus Denkendorf ein pädagogisches und organisatorisches Konzept für den dortigen Schulstandort. Zum Expertenteam gehört auch Alfed Hinz, der langjährige Rektor der katholischen Bodenseeschule St. Martin in Friedrichshafen, einer Grund-, Haupt- und Werkrealschule. Dort wurden die Gemeinschaftsschul-Methoden schon vor zwei Jahrzehnten erfolgreich eingeführt.
Jetzt wird es auch in Denkendorf konkret: "Wir vergleichen die Lehrpläne der Haupt- und Realschule mit dem des Gymnasiums und erarbeiten ein pädagogisches und organisatorisches Konzept, das die Lehr- und Lernformen definiert", erzählt Güll. Bis zu den Sommerferien solle dieser Schritt abgeschlossen sein, dann werden die Ergebnisse den Eltern vorgestellt. Seit den ersten Kontakten zwischen den Altmühltalern und Güll sind eineinhalb Jahre verstrichen, viele Diskussionen wurden geführt. Schließlich entschieden sich die Gemeinderäte für den Modellversuch.
Im Landkreis Dachau scheint alles viel schneller zu gehen. Der Grund mag sein, dass Güll hier wohnt und bestens bekannt ist. Erst im Januar hielt der ehemalige Rektor eine erste Informationsveranstaltung in Odelzhausen ab. Und schon in den letzten Wochen haben sich die Gemeinderäte in Odelzhausen und der Nachbarkommune Pfaffenhofen an der Glonn mit jeweils überwältigender Mehrheit für eine Gemeinschaftsschule ausgesprochen – beide Ortschaften bilden mit Sulzemoos einen Schulverbund. Nur die beiden CSU-Bürgermeister votierten jeweils dagegen, währen ihre Fraktionskollegen geschlossen dafür stimmten.
Das Votum in Sulzemoos steht zwar noch aus, aber nicht einmal die lokalen CSU-Größen zweifeln an einem ähnlich deutlichen Ergebnis. Dabei ließen die konservativen Bildungspolitiker nichts unversucht. Der Dachauer CSU-Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath hatte den Sprecherinnen der lokalen Elterninitiative, Michaela Steinert und Bärbel Riedel, ein Gesprächstermin bei Kultusminister Spaenle verschafft. Sogar mit Ministerpräsident Horst Seehofer konnten sich die beiden austauschen. Spaenle bat darum, der neu eingeführten Mittelschule eine Chance zu geben. Doch er überzeugte nicht. "Auch die Mittelschule wird den Schülerschwund bei uns nicht stoppen", argumentiert Steinert. Die Eltern befürchten, dass ihr Nachwuchs demnächst den weiten Weg nach Dachau zurücklegen muss. "Für unsere Kinder wäre die Gemeinschaftsschule vor Ort einfach ideal", findet Steinert.
Inzwischen zeigt ein weiteres Dutzend Kommunen Interesse an der Idee. In Altomünster (Kreis Dachau) wird über den Schultyp diskutiert, ebenso in in den im Landkreis Füstenfeldbruck gelegenen Kimmunen Mammendorf und Gilching.
Güll war kürzlich in Immenstadt im Allgäu und er rechnet mit einem positiven Gemeinderatsbeschluss in Donaustauf (Kreis Regensburg). Der "Flächenbrand" greift offenbar auch nach Schwaben und der Oberpfalz über. Demnächst wird es wohl heißen: Ein Gespenst geht um in Bayern.
Donaukurier