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"Sitzenbleiben bringt keinerlei Leistungsansporn"

Veröffentlicht am 29.03.2012 in Presse
Landtagsfraktion

"Sitzenbleiben bringt keinerlei Leistungsansporn"

Gemeinschaftsschulen, Lehrer als Teamarbeiter, G9-Schulversuche - die grün-rote Landesregierung Baden-Württemberg hat einige Reformen auf den Weg gebracht. Im Gespräch mit der RNZ erklärt Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD), warum sich so viel ändert - und ändern muss.

Sagen Sie, Frau Ministerin, wie haben Sie früher als Schülerin gelernt? Immer aus eigenem Antrieb und mit Spaß oder mussten Sie sich manchmal auch quälen?

Ich musste mich auch quälen. Am besten habe ich immer dann gelernt, wenn ein Lehrer mit Begeisterung unterrichtet hat.

Wie viel lernt die Kultusministerin heute noch dazu?
Ich lerne jeden Tag dazu und das macht mir großen Spaß!

Sie sind eine Verfechterin der Gemeinschaftsschule. Warum braucht Baden-Württemberg diese Schulart?

Unser Bildungssystem ist sicherlich gut. Allerdings haben wir nach wie vor im internationalen Vergleich Schwächen, die wir korrigieren müssen. Und wir müssen unser Bildungssystem zukunftsfähig machen. Die Gemeinschaftsschule ist eine Schulform, in der alle Schülerinnen und Schüler bis zum zehnten Schuljahr gemeinsam lernen. Das Fundament bildet die konsequente individuelle Förderung, die an den Begabungen und Potenzialen ansetzt. Im Moment funktioniert das Schulsystem oft nach dem Prinzip "Wenn du das nicht kannst, gehörst du nicht hierher" - also Fehlerorientierung anstatt Talentsuche - und das müssen wir ändern. Es geht uns darum, die soziale Benachteiligung zu reduzieren und die Leistung weiter zu verbessern.

Kann die Gemeinschaftsschule tatsächlich alle Begabungen der Schüler fördern?

Die Schülerinnen und Schüler lernen nach ihren individuellen Voraussetzungen. Dabei werden die persönlichen Begabungen der Kinder durch schülerzentrierte Unterrichtsmethoden, also durch Lerngruppen statt üblichem Klassenverband und durch individuelle Lern- und Förderpläne unterstützt. Auch die Praktika in unterschiedlichen Lebensbereichen und der rhythmisierte bewegte Schulalltag sind eine sehr gute Basis für die Begabungen der Schüler.

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass lernschwache Schüler unter den "Überfliegern" leiden?

Nein, denn es geht ja gerade darum, dass nicht jeder für sich lernt, sondern alle miteinander und zum großen Teil auch voneinander. Das ist das Erfolgsrezept in den Lerngruppen der Gemeinschaftsschule. In den Schulen, die dieses pädagogische Konzept bereits jetzt anwenden, zeigt sich, dass alle Schülerinnen und Schüler davon profitieren, wenn die begabten die weniger begabten unterstützen. Zum einen müssen die guten Schüler den Stoff selbst in den Griff bekommen, um ihn erklären zu können. Zum anderen sind selbst gute Schüler in verschiedenen Fächern unterschiedlich leistungsstark und brauchen selbst immer wieder mal Hilfe. Auch sie können dann von diesem System profitieren.

Lehrer könnten sich bei der Gemeinschaftsschule überfordert fühlen, weil sie sich mal den starken Schülern und mal den "Benachteiligten" zuwenden müssen. Wie soll der Spagat gelingen?

Gerade, weil die Klassen immer heterogener werden, bietet die Pädagogik der Gemeinschaftsschule die richtigen Ansätze. Sie gibt den Lehrkräften die Möglichkeit, sich stärker mit den einzelnen Kindern zu befassen. An dieser Schulart sind die Lehrkräfte in erster Linie Lernbegleiter und Teamarbeiter statt Einzelkämpfer. Sie stehen in engem Kontakt miteinander und mit der Schulleitung und sie werden begleitet, beraten und weitergebildet.

Sie sagen, die traditionellen Noten seien als differenzierte Rückmeldung zum Leistungsstand von Schülern nicht ausreichend und möchten das Sitzenbleiben an der Gemeinschaftsschule abschaffen. Wie wollen Sie dann Leistung messen?

Wir wissen aus Studien, dass Sitzenbleiben keinerlei Leistungsansporn bringt. Die Kinder fühlen sich gedemütigt. Deshalb ist zielgerichtetes, individuelles Lernen und ebenso individuelles Feedback durch die Lehrkräfte sehr wichtig. Das hilft den Schülerinnen und Schülern beim eigenen Lernfortschritt weiter. Die Note selbst ist eine Orientierung, die vor allem beim Abschluss wichtig ist, die allein aber nicht ausreicht, wenn Lernen auf Dauer erfolgreich sein soll.

Im Sommer wollen Sie Versuche zum neunjährigen Gymnasium zulassen. 51 Kommunen sind interessiert und wollen zweigleisig fahren. Ist das G8 gescheitert?

Nein, das G8 wird auch weiterhin der Standard bleiben. Es funktioniert an vielen Gymnasien sehr gut. Die bisherigen Erfahrungen in den Schulen und die Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern sowie Eltern haben aber gezeigt, dass es auch Klagen über eine zu starke Verdichtung der Lerninhalte beim G8 gibt. Wir wollen es deshalb durch eine Weiterentwicklung des Bildungsplans verbessern. Mit dem Schulversuch soll nun eine Alternative getestet werden.

Mütter und Väter kritisieren immer wieder, G8 raube ihrem Nachwuchs die Freizeit. Führt das achtjährige Gymnasium zum Verlust der Kindheit?
Das G8 bedeutet für manche Kinder und Jugendlichen, dass sie kaum noch Zeit für Freunde, Hobbys und Ruhephasen haben. Und diesen Ausgleich brauchen sie auf jeden Fall für gute schulische Leistungen und für ihre Persönlichkeitsentwicklung. Wir werden auch beim G8 dafür sorgen, dass es mehr Zeit für individuelle Förderung gibt.

Bildung fängt schon ganz früh im Elternhaus an. Dort werden die Grundlagen für die Schullaufbahn gelegt - oder auch nicht. Können Nachteile im Kindergarten und in der Schule überhaupt noch aufgefangen werden?

Ich denke teilweise bestimmt. Es kommt aber darauf an, wie die Inhalte der frühkindlichen und schulischen Bildung aussehen und wie sie vermittelt werden. Grundvoraussetzung für einen guten Start ins Bildungssystem ist die Beherrschung der deutschen Sprache. Daher legen wir in der frühkindlichen Bildung besonderen Wert auf eine früh einsetzende, breit angelegte Sprachförderung. Jedes Kind, das eine Förderung benötigt, soll diese auch bekommen. Bedarf dafür gibt es bei Weitem nicht nur bei Kindern mit ausländischen Wurzeln, sondern auch bei Kindern aus deutschen Familien. Unsere Kindergärten und Schulen haben aber auch die Aufgabe, Sozialkompetenz zu vermitteln. Da ergänzen sie die Erziehungsarbeit der Eltern und tragen maßgeblich zur Persönlichkeitsentwicklung der Schüler bei. Wesentlich ist für mich ein guter Kontakt zwischen Kindergarten, Schulen und Elternhaus.

Deutschlands Kindergärten sind nach einer aktuellen Studie nur Mittelmaß. Müssen Erzieher studiert haben, um den Kindern gute Bildung angedeihen zu lassen?

Pädagogische Kompetenz, Einfühlungsvermögen und Freude an der Arbeit mit Kindern hängen nicht von einem Hochschulabschluss ab. Wichtig ist, dass wir künftig genügend engagierte Erzieherinnen und Erzieher haben. All das, was wir im frühkindlichen Bereich in den nächsten Jahren vorhaben, braucht mehr und gut ausgebildete Fachkräfte. Wir wollen Teilzeitkräfte für Vollzeitarbeit motivieren und auch Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger für diesen Beruf gewinnen.

Mit einer praxisintegrierten Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher versuchen wir, diesen Beruf noch attraktiver zu machen, auch, indem wir in diesem Schulversuch erstmals eine Ausbildung mit entsprechender Vergütung anbieten. Wir hoffen, damit letztlich auch neue Zielgruppen zu erreichen, zum Beispiel auch mehr Abiturientinnen und Abiturienten als bisher. Daneben wurden in den vergangenen Jahren aber auch in Baden-Württemberg rund 700 Studienanfängerplätze an Hochschulen eingerichtet, um staatlich anerkannte Kindheitspädagoginnen und -pädagogen auszubilden.

Was haben Sie aus diesem Interview gelernt?

Mir ist mal wieder bewusst geworden, was wir mit den genannten Bildungsreformen alles noch vor uns haben. Mein Fazit: Wir sind auf dem richtigen Weg für mehr Bildungsgerechtigkeit in unserem Land, und wir haben die richtigen Partner dazu.

Bürgerbüro
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Birkenweg 33
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