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NIE WIEDER!!!!

Veröffentlicht am 10.11.2025 in Kommunalpolitik

Gedenkrede zur Reichspogromnacht am 9. November 2025

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
verehrte jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Christinnen und Christen,
Freidenkerinnen und Freidenker, Angehörige aller Glaubensgemeinschaften –

Sie haben heute Abend alle hier unseren Ehrenbürger und Altbürgermeister Gerd Geismann erwartet, da er als Hauptredner angekündigt wurde. Leider ist Gerd erkrankt und kann heute Abend nicht hier sein. Wir wünschen ihm von hier aus alles Gute und schnelle und gute Besserung.

Da ich auf seinen Wunsch hin kurzfristig eingesprungen bin, aber bei Weitem nicht so ein Experte für dieses Thema bin wie Gerd, fühlte ich mich zwar zunächst ein bisschen überfordert – das geb ich ganz ehrlich zu – aber dann hab ich mich über sein Vertrauen sehr gefreut .

Ich suchte in verschiedenen Seiten im Internet und las einige Kommentare, aber dann bin ich bei meiner Recherche auf eine Rede von dem von mir sehr verehrten Helmut Schmidt gestoßen, die ich als Grundlage für meine heutigen Worte hergenommen habe, da mich seine Worte von damals sehr beindruckt haben.

Sie werden also im Weiteren einige Zitate aus dieser Rede von dem damaligen Bundeskanzler hören, die er in der Synagoge in Köln am 09.11.1978 gehalten hat. Damals wurde zum ersten Mal an die Opfer der Reichspogromnacht gedacht. Ich hätte die Rede komplett übernehmen können, da die Zitate leider immer noch genauso gelten wie vor 27 Jahren.

Wir stehen heute hier, um zu gedenken. Zu gedenken einer Nacht, die man früher beschönigend „Kristallnacht“ nannte, die aber in Wahrheit der Beginn des offenen Terrors gegen die Juden in Deutschland war – die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, eine Nacht, in der das Licht der Menschlichkeit fast erlosch.

Der Prophet Jesaja fragte einst:

„Wie geht das zu, dass die fromme Stadt zur Dirne geworden ist? Sie war voll des Rechts. Gerechtigkeit wohnte in ihr, jetzt aber Mörder.“

Mit diesen Worten begann Helmut Schmidt seine historische Rede am 9. November 1978 in der Kölner Synagoge – vierzig Jahre nach jener Nacht.
Und er fügte hinzu:

„Die deutsche Nacht, zu deren Gedenken wir uns heute wieder versammelt haben, bleibt Ursache für Bitterkeit und Scham. In dieser Nacht brannten Gotteshäuser. Diese Gotteshäuser waren aber auch Treffpunkte für die Gesellschaft. Auf einen Wink der Machthaber hin wurde gedemütigt, zerstört, geraubt, gemordet, verschleppt und eingekerkert.“

I. Was geschah damals

Wenn wir uns erinnern, dürfen wir es nicht verharmlosen.
Am 9. November 1938 wurden in Deutschland und Österreich
267 Synagogen niedergebrannt, tausende Geschäfte und Wohnungen jüdischer Familien verwüstet, rund 40000 Menschen verhaftet, 91 ermordet.

Sulzbach-Rosenberg wurde in dieser Nacht verschont, weil die hier lebenden Juden bereits 1936 alle Sulzbach-Rosenberg verlassen hatten. Die Synagoge wurde damals schon als Heimatmuseum genutzt.
Anderswo richtete sich die Gewalt nicht nur gegen Gebäude, sondern gegen das Leben, die Würde und die Identität eines ganzen Teils unseres Volkes.

Schmidt sagte:

„Die Synagogen waren 1938 Gotteshäuser und Gebetshäuser der Gemeinden … Als die Synagogen zerstört wurden, begann dieses Leben zu erlöschen.“

Und er nannte es, was es war:

„Es begann die sogenannte Endlösung der Judenfrage, ein Massenmord, der mit kalter Energie und zweckgerichteter Brutalität in die Tat umgesetzt wurde.“

Viele Deutsche sahen zu, manche billigten, viele schwiegen.
Die Kirchen, die es besser hätten wissen müssen, schwiegen ebenfalls.
„Obwohl Kirchen wie Synagogen demselben Gott dienen“, sagte Schmidt – ein Satz, der bis heute nachhallt.

II. Wie konnte das geschehen?

Wie konnte ein zivilisiertes Land so tief sinken?
Wie konnten Menschen, die Dichter wie Goethe und Musiker wie Beethoven verehrten, zu Tätern, Mitläufern oder Schweigenden werden?

Helmut Schmidt suchte eine Antwort und fand sie in einer mangelhaften demokratischen Erziehung.
Er sagte: „Wenn es nie wieder vorkommen darf, dass deutsche Bereitschaft zur Pflichterfüllung, zum Gehorsam, zum Einsatz für Ideale irregeleitet wird in gemeinsames verbrecherisches Handeln, dann genügt es nicht, ein Widerstandsrecht ins Grundgesetz zu schreiben. Wir müssen junge Menschen durch Vermittlung historischer Kenntnisse und durch unser eigenes Beispiel dahin erziehen, dass sie nach dem moralischen und menschlichen Wert ihrer Handlungen fragen.“

Schmidt erkannte:
Die Generation von 1918 hatte eine Demokratie geerbt, ohne sie wirklich verstanden zu haben. Man sah in ihr ein Instrument, nicht eine Haltung.
Die Folge war, dass Angst, Enttäuschung und autoritäres Denken wieder Raum gewannen.

Er sprach von der „Untertanenmentalität“, von einem Bürgertum, das sich an Macht und Ordnung klammerte und von einem Gegensatz zwischen technischer Modernität und politischer Rückständigkeit.
Viele suchten Sündenböcke – und fanden sie in den Juden.

„Die Flucht in den Hass fand ihre Ziele: Demokraten, Gewerkschafter, Künstler, Gelehrte, Bekenner insgesamt – sie alle trieb man ins Exil oder ins Konzentrationslager. In den Juden aber traf man die Aufklärung und die freiheitliche Emanzipation im Kern.“

Dieser Satz beschreibt das moralische Zentrum der Katastrophe:
Der Hass auf Juden war auch ein Hass auf Freiheit, auf Vernunft, auf Individualität.

III. Verantwortung und Erziehung nach 1945

Schmidt warnte davor, aus der Vergangenheit nur Trauer zu ziehen.
Er sagte:

„Wir blicken zurück, um zu lernen. Wir blicken zurück und versuchen zu begreifen und zu bewerten, damit die Konsequenzen gezogen werden können.“

Und diese Konsequenzen lauten bis heute:
Demokratie muss gelernt, verteidigt und gelebt werden. Sie braucht Menschen, die eigenständig denken, die Widerspruch aushalten, die Angst verstehen, aber nicht Hass folgen.

„Demokraten zu erziehen heißt,“ so Schmidt, „junge Menschen das Augenmaß für Freiheit und Bindung zu geben, sie zur Erkenntnis und zum Respekt vor der Würde der Person jedes anderen zu befähigen.“

Das ist ein Auftrag an uns alle, und das ist er immer noch. Denn Demokratie stirbt nicht plötzlich – sie erodiert, wenn wir sie für selbstverständlich halten.

IV. Schuld und Erbe

Helmut Schmidt sagte in Köln einen Satz, der oft zitiert wurde und noch immer wichtig ist:

„Die heute lebenden Deutschen sind als Personen zu allermeist unschuldig. Aber wir haben die politische Erbschaft der Schuldigen zu tragen und aus ihr die Konsequenzen zu ziehen.“

Das heißt:
Schuld ist nicht erblich, Verantwortung schon. Wir tragen die Geschichte mit, ob wir wollen oder nicht. Und wir werden mitschuldig, wenn wir unsere Verantwortung nicht erkennen.

„Auch junge Deutsche könnten noch mitschuldig werden, wenn sie ihre aus dem damaligen Geschehen erwachsene Verantwortung nicht erkennen.“ Und zu diesen jungen Deutschen gehören auch wir, unsere Generation, einfach Alle.

Diese Verantwortung zeigt sich heute darin, wie wir mit Antisemitismus, Rassismus, Verschwörungsdenken, mit Hass im Netz und mit politischer Verrohung umgehen.

V. Lehren für heute

Was bedeutet das im Jahr 2025?

Wir leben in einer Zeit, in der Wahrheit, Würde und Verantwortung wieder umkämpft sind. In der Lügen über soziale Medien millionenfach verbreitet werden. In der alte Feindbilder neue Formen annehmen: gegen Juden, gegen Muslime, gegen Migrantinnen, gegen politische Gegner.
Die Mechanismen sind dieselben wie damals – nur die Kanäle haben sich geändert.

Helmut Schmidts Warnung klingt aktueller denn je:

„Mit der Suche nach Sündenböcken hat es angefangen. Mit Gewalt gegen Schriften und Bücher und mit Gewalt gegen Schaufenster hat es sich fortgesetzt. Die Gewalt gegen Menschen war dann nur noch die vorbereitete Konsequenz.“

Wenn wir also heute sehen, dass wieder Parolen von „denen da oben“ oder „den Fremden“ laut werden, dass demokratische Politiker als „Volksverräter“ beschimpft werden, dass der Respekt vor Minderheiten schwindet – dann müssen wir uns erinnern:
So fängt es an! 
Darum ist Bildung unsere wichtigste Waffe gegen das Vergessen. Erinnerungskultur ist keine Last der Vergangenheit, sondern ein Schutz für die Zukunft. Und Zivilcourage – der Mut, auch im Kleinen widersprechen zu können – ist ihr täglicher Ausdruck.

VI. Versöhnung und Dialog

Ein weiterer zentraler Gedanke Schmidts ist die Versöhnung.
Er sagte:

„Uns steht es nicht an, die Juden der Welt zur Versöhnung aufzurufen. Wohl aber dürfen wir um Versöhnung bitten.“

Das ist ein Satz von Würde und Demut.
Versöhnung ist kein Befehl, sondern eine Bitte, die durch ehrliches Handeln glaubwürdig wird.

Schmidt lobte damals den Zentralrat der Juden, die Kirchen und die zahlreichen Begegnungen zwischen jungen Deutschen und Israelis.
Solche Begegnungen, sagte er, erfüllten ihn mit Freude,
weil sie zeigten, dass Vertrauen neu entstehen kann.

Auch heute gilt: Versöhnung braucht Begegnung.
Sie entsteht nicht durch Resolutionen, sondern durch Menschen, die einander kennenlernen, miteinander sprechen, in Schulen, in Gemeinden, im Alltag.

VII. Frieden über Grenzen hinweg

Schmidt sprach 1978 auch über den Nahostkonflikt – über den Wunsch nach Frieden zwischen Juden, Christen und Muslimen.
Er zitierte Martin Buber und Albert Einstein und sagte:

„Und es soll nicht möglich sein, dass zwischen diesen Dreien Frieden ist?“

Und weiter:

„Möge erkannt werden, dass der Frieden ein Sieg des Menschen über den Antimenschen ist.“

Diese Worte sind universell.
Sie gelten für alle Konflikte unserer Welt – für Ukraine und Russland, für Israel und Palästina, für jede Form von Gewalt.
Frieden beginnt nicht in Verträgen, sondern im Bewusstsein des Einzelnen:

dass die Würde des anderen unantastbar ist.

VIII. Die zweite deutsche Demokratie

Schmidt erinnerte daran, dass die Bundesrepublik damals – wie heute – auf den Lehren aus der Vergangenheit aufbaut:

„Wir sind stolz auf unseren Staat, stolz auf unsere offene Gesellschaft und stolz auf deren Traditionen. Es ist der gerechteste Staat, den es bisher in der deutschen Geschichte gegeben hat.“

Das ist ein Mutmacher.
Aber er fügte warnend hinzu, dass dieser Staat verteidigt werden müsse – vor allem gegen Gleichgültigkeit und Feigheit.

„Tradition bewahren heißt nicht: Asche aufheben, sondern eine Fackel am Brennen erhalten.“

Diese Fackel ist die Liebe zum Menschen,
die Achtung vor der Würde jedes Einzelnen,
die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

IX. Unsere Verantwortung heute

Wenn wir heute über Demokratie reden, dann reden wir über uns.
Über unseren Alltag, unsere Gespräche, unsere digitalen Räume.
Wir müssen lernen, wieder
zuzuhören – auch denen, die anders denken,
aber wir dürfen den Hass nicht verwechseln mit Meinung.

„Erziehung zur Demokratie“, sagte Schmidt, „heißt Erziehung zur Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns.“

Und das bedeutet:
Jede und jeder von uns entscheidet täglich, ob das Klima in unserer Gesellschaft kälter oder menschlicher wird.
Wir alle tragen die Fackel weiter – nicht als Symbol vergangener Größe,
sondern als Verpflichtung zur Menschlichkeit.

Schlusswort

Helmut Schmidt endete seine Rede 1978 mit den Worten:

„Die Fackel – das bedeutet die Liebe zum Menschen, das bedeutet die Achtung vor der Würde jeglicher Person. Die Fackel bedeutet den obersten Wert unseres Grundgesetzes: die Würde der Person.“

Daran hat sich nichts geändert.
Die Menschenwürde ist und bleibt unser Kompass.

Wir gedenken heute der Opfer der Pogromnacht 1938, aber wir gedenken auch aller, die mutig waren, die sich widersetzten, die halfen, die retteten.

Und wir verpflichten uns, dass sich Geschichte nicht wiederholt – nicht in der Sprache, nicht im Denken, nicht in der Haltung.

Denn wie Schmidt mahnte:

„Mit der Verachtung der Würde eines Mitmenschen hat es begonnen. Der Mord war schließlich nur noch die vorbereitete Konsequenz.“

Lassen wir es nie wieder so weit kommen.
Lassen wir uns leiten von Menschlichkeit, Verantwortung und Mut.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

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