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Arbeitsleben und Lebenswirklichkeit auf den Baustellen bei „Anne Will“ im Fernsehen?

Veröffentlicht am 31.01.2016 in Arbeit & Wirtschaft

Bürgermeister und stellvertretender Landrat Helmut Himmler hat  in einem Schreiben an Anne Will und ihr Redaktionsteam angeregt, die Arbeitswelt und damit die Lebenswirklichkeit von 43 Millionen Menschen zum Inhalt ihrer Sendung zu machen. Aus Neumarkt und damit der wichtigsten Bau-Region in Deutschland könnte das Leben auf den Baustellen thematisiert werden. Diese Initiative hatte der Berger Bürgermeister vor vier Wochen bei der Bauarbeiterversammlung der IG BAU angekündigt

Sehr geehrte Frau Will

bzw. Mitglieder des Redaktionsteams  WILL MEDIA GmbH,

 

Bei der Auswahl der Themen Ihrer Sendung – auch anderer sog Talkshows – fällt auf, dass weitgehend die immer gleichen Personen zu den gleichen Themen palavern und der Erkenntnisgewinn eher bescheiden ist. Aus meiner Sicht haben die Medien erheblich zur Hysterisierung der Flüchtlingsthematik beigetragen und menschenverachtenden Rassisten der AfD bzw. von PEGIDA ein öffentliches Forum verschafft, um einem Millionenpublikum ihre kruden, simplifizierenden und irrationalen Aussonderungen zu präsentieren.

 

Die Welt der Arbeit und damit die tägliche Lebenswirklichkeit der Menschen in unserem Land hingegen kommt in Ihren Sendungen kaum vor – sie eignet sich vielleicht auch nicht zur „Show“ am Sonntagabend. Gerade das durch die Gebühren der Bürgerinnen und Bürger weitgehend finanzierte öffentlich-rechtliche Fernsehen hat aber einen explizit formulierten Bildungsauftrag, dem die Fernseh-Macher auch gerecht werden sollten.

Zu meinem Anliegen im Konkreten: Ich bin Bürgermeister in der Gemeinde Berg bei Neumarkt und stellvertretender Landrat im Landkreis Neumarkt in Bayern – der Bau-Region Nr. 1 in der Bundesrepublik. Demzufolge bin ich immer wieder Gast bei Veranstaltungen der Betriebe und Gewerkschaften im Landkreis.

Neulich hat der Gesamtbetriebsratsvorsitzende bei einer Bauarbeiterversammlung der Gewerkschaft IG BAU beeindruckend über die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen gesprochen, dem Arbeitskräftemangel, die Einkommenssituation, der Höhe der Renten nach einem langen Arbeitsleben usw. In der Regel sind die Männer am Bau noch vor dem Erreichen des 60. Lebensjahres kaputtgearbeitet und haben es oftmals mit erheblichen Rentenabschlägen bei vorzeitigem Ruhestand zu tun.

Interessiert es eigentlich, wie Bauarbeiter fernab der Heimat während der Woche mit vier Kollegen und ohne jede Intimsphäre ihre Feierabende verbringen – im letzten Sommer bei bis zu 40 Grad Hitze und ohne klimatisierte Räume. Ist eigentlich bekannt bzw. von Interesse, welchen familiären Belastungen die Familien ausgesetzt sind, wenn der Vater lediglich das Wochenende zu Hause verbringen kann?

Im November 2015 waren nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes rund 43,4 Millionen Personen mit Wohnort in Deutschland erwerbstätig. Warum beschäftigt sich das Fernsehen kaum mit der Arbeitswelt von 43 Millionen Menschen? Die Gesellschaft als Ganzes sollte doch auch Kenntnis davon haben, wie sich die Arbeitswelt verändert, der Leistungsdruck unaufhaltsam steigt und viele Menschen diesen Anforderungen nicht mehr standhalten können. Warum steigt die Anzahl der psychischen Erkrankungen so dramatisch an? Der Respekt vor den Menschen, die jeden Tag in den Betrieben, Verwaltungen, sozialen Einrichtungen etc. ihre Pflicht tun und darüber hinaus das Familien- und Privatleben organisieren müssen, verlangt doch wohl auch eine Thematisierung ihrer Realität. Mit der eigentlich wenig bedeutsamen Welt der Reichen und Schönen – den selbsternannten Eliten unseres Landes – werden wir Bürgerinnen und Bürger in mitunter ärgerlicher Penetranz medial „zugemüllt“.

Der erschreckende Vertrauensverlust in die Medien liegt sicher auch darin begründet, dass die in den Medien gesetzten Themen und Interpretationen – die vermittelte Realität - nur wenig mit den Alltagserfahrungen der Menschen zu tun haben. Öffentliche Meinung und veröffentlichte Meinung entfernen sich immer weiter voneinander – auch weil die Medienarbeiter keine Ahnung von der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen haben und sich auch nicht um diesbezüglichen Erkenntnisgewinn bemühen.

 

Kurzum – meine Anregung ist es, die Welt der Arbeit angemessen zu berücksichtigen, z. B. in Ihrer Sendung. „Anne Will“ erreicht an jedem Sonntag Millionen Menschen und darunter sind gewiss sehr viele an anderen und damit an ihren Themen interessiert. Auch für das Fernsehen und die Glaubwürdigkeit des Mediums könnte das eine neue Chance bedeuten.

 

Ich wäre gerne bereit, Kontakte zur Bauarbeitergewerkschaft im Landkreis Neumarkt und zu großen Bauunternehmen – z. B. Bögl und Klebl in Neumarkt – zu vermitteln. Selbstverständlich stehe ich bei gegebenem Interesse gerne  zu einem Vorgespräch zur Thematik zur Verfügung.

 

Mit freundlichem Gruß aus Bayern –

Helmut J. Himmler

 

Homepage SPD Kreisverband Neumarkt

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