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Der Absturz des Prekariats

Veröffentlicht am 26.11.2008 in Soziales

Jetzt rächt sich, dass die Binnennachfrage und vor allem der private Konsum, die einen Ausgleich bieten könnten, von der deutschen Wirtschaftspolitik jahrelang sträflich vernachlässigt wurden.

Jetzt schlägt aber vor allem das zurück, was von ihren Verfechtern als große Erfolgsstory verkauft wurde: die Reform des Arbeitsmarkts. Wenn die Flexibilisierung im Aufschwung die Beschäftigung befördert hat, wird sie bei einer Talfahrt der Konjunktur in umgekehrter Richtung wirken und den Abbau von Stellen beschleunigen. Die Prognose der “Wirtschaftsweisen”, die für 2009 von einer nur leicht von 7,8 auf 7,9 Prozent steigenden Arbeitslosenquote ausgehen, dürfte längst Makulatur sein.

Flexibel sollen immer die anderen sein. Die Bundesregierung bleibt demgegenüber starr und verweigert hartnäckig ein umfassendes Konjunkturprogramm. Diese Ignoranz ist wahrhaft alarmierend.

Der Absturz des Prekariats
MARIO MÜLLer

Die Journalisten seien mitschuldig an der Finanz- und Wirtschaftskrise, hieß es neulich am Stammtisch. Mit ihrer alarmistischen Berichterstattung verstärke die Zunft die ohnehin schon große Verunsicherung des Publikums, was die Talfahrt noch beschleunige.

Nun ist der gemeine Medienarbeiter zwar gelegentlich ein Esel, öfter aber der Sack und somit Schläge gewohnt. Gleichwohl würde er, schon um den Stammtischbruder eines Besseren zu belehren, liebend gerne in diesen trüben Tagen etwas Positives berichten. "Die Rezession nähert sich dem Ende" etwa, oder "Opel gerettet".

Leider sind aufmunternde Nachrichten aus der Welt der Wirtschaft derzeit Mangelware. Okay, der Ölpreis ist gefallen, was dem Verbraucher etwas Entlastung bescheren könnte. Aber sonst sieht es düster aus. Selbst die jüngsten Prognosen, die einen kräftigen Abschwung erwarten, erscheinen mittlerweile als noch zu optimistisch.

Das gilt nicht nur für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, sondern mehr noch für die Situation am Arbeitsmarkt. Statt sich seitwärts im Krebsgang zu bewegen, wie es etwa die "Fünf Wirtschaftsweisen" in ihrem kürzlich vorgelegten Gutachten erwarten, dürfte die Konjunktur im nächsten Jahr in ein tiefes Loch fallen. Denn die bisherige Hauptantriebskraft, der Export, verliert schneller an Schwung als befürchtet. Jetzt rächt sich, dass die Binnennachfrage und vor allem der private Konsum, die einen Ausgleich bieten könnten, von der deutschen Wirtschaftspolitik jahrelang sträflich vernachlässigt wurden.

Jetzt schlägt aber vor allem das zurück, was von ihren Verfechtern als große Erfolgsstory verkauft wurde: die Reform des Arbeitsmarkts. Wenn die Flexibilisierung im Aufschwung die Beschäftigung befördert hat, wird sie bei einer Talfahrt der Konjunktur in umgekehrter Richtung wirken und den Abbau von Stellen beschleunigen. Die Prognose der "Wirtschaftsweisen", die für 2009 von einer nur leicht von 7,8 auf 7,9 Prozent steigenden Arbeitslosenquote ausgehen, dürfte längst Makulatur sein.

Die Horrormeldungen aus der Automobil-Industrie, die bereits zehntausende Jobs gekappt hat, waren nur der Anfang. Auch in vielen anderen Branchen rotiert der Rotstift. Von ihm betroffen sind zunächst die Beschäftigungsverhältnisse, die gerne als atypisch oder prekär bezeichnet werden. Dazu zählen die zuletzt noch fast 800 000 Leiharbeiter, die als menschliche "Konjunkturpuffer" dienen und bei einer Krise als erste auf der Straße landen. Ein ähnliches Schicksal droht ihren Kollegen, die in Teilzeit arbeiten oder einer "geringfügigen" Beschäftigung nachgehen.

Dem Gutachten der "Wirtschaftsweisen" zufolge hatte zuletzt rund jeder Dritte abhängig Beschäftigte einen "atypischen" Arbeitsvertrag, wobei die Leiharbeit noch nicht berücksichtigt ist. 2007 lag der Anteil der "Normalarbeitsverhältnisse" bei 62 Prozent, 1991 hatte er noch drei Viertel betragen. Oder: Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit waren 43 Prozent der 2006 abgeschlossenen Arbeitsverträge befristet. Mittlerweile sind mehr als zwei Millionen Menschen auf dieser Basis tätig.

Flexibel sollen immer die anderen sein. Die Bundesregierung bleibt demgegenüber starr und verweigert hartnäckig ein umfassendes Konjunkturprogramm. Diese Ignoranz ist wahrhaft alarmierend.

Mario Müller ist freier Autor.

 

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