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Hochseerederei in Süddeutschland

Veröffentlicht am 08.12.2008 in Allgemein

Bayerns einzige Hochseereederei - Fern der See betreibt Jürgen W. Ruttmann von der Oberpfalz aus 50 Ozeanriesen --Von ddp-Korrespondentin Ann Hauer

Die Piraten, die gegenwärtig vor der Küste Somalias ihr Unwesen treiben und reihenweise Schiffe kapern, machen Jürgen W. Ruttmann keine Angst - obwohl auch bei ihm die Alarmglocken schrillen müssten. Denn der 63-Jährige aus dem oberpfälzischen Schnaittenbach im Landkreis Amberg-Sulzbach ist Hochseereeder, der einzige in Bayern. 50 Ozeanriesen mit einer Tonnage von bis zu 36 000 Tonnen fahren unter der weiß-blauen Rautenflagge seiner «Mineralien Schifffahrt Spedition und Transport GmbH» (MST). Und er dirigiert sie vom bayerischen Flachland aus, fernab von jedem Hochseehafen.

«Wir sind in der glücklichen Lage, keine Schiffe im Indischen Ozean zu haben», sagt Ruttmann im ddp-Interview. «Wir verdienen unser Geld auf der Transatlantik-Route. Viele unserer Schiffe verkehren außerdem zwischen dem Amazonas-Gebiet und Kanada, nach Fernost fahren wir nur im Ausnahmefall.» Und wenn wirklich einmal etwas passieren sollte, kennt der bayerische Hochseereeder ein altes «Hausmittel aus der Bordapotheke»: «Wenn sich Angreifer nähern, sind die Feuerwehrschläuche auf den Schiffen ein durchaus adäquates Abwehrmittel», verrät er. Kleinere Boote könne man damit jederzeit versenken. Außerdem sind die Kapitäne der Ruttmann-Frachter gehalten, im Zweifelsfall einen Zickzack-Kurs einzuschlagen, um potenzielle Eindringlinge dadurch zu irritieren.

Im Hafen festgemacht, sei das lückenlose Ausleuchten der Schiffe eine geeignete Methode, um lichtscheues Gesindel fernzuhalten, wie Ruttmann potenzielle Diebe drastisch bezeichnet. Insgesamt seien die Möglichkeiten, ein großes Schiff vollständig zu sichern, allerdings sehr begrenzt, räumt er ein. Für die Crews gelte auf jeden Fall, sich grundsätzlich nicht auf Kämpfe einzulassen. «Schließlich haben wir eine Versicherung», sagt der Reeder. Doch die habe in den 23 Jahren, in denen MST-Schiffe inzwischen die sieben Weltmeere befahren, noch nie in Anspruch genommen werden müssen.

Ruttmann gründete seine Reederei im Jahr 1985. Er war damals Schiffskaufmann und einer seiner Geschäftspartner war der Chef der Amberger Kaolinwerke. Der «Herr der Porzellanerde» streckte Ruttmann als Startkapital fünf Millionen D-Mark vor - und aus dem gebürtigen Hamburger wurde quasi über Nacht ein Reeder mitten in der steinigen Oberpfalz. Die Flotte wuchs seitdem rasant. Die 40 kleineren Frachter mit einer Tonnage von 3000 bis 6000 Tonnen werden inzwischen von der holländischen Niederlassung aus kommandiert, die zehn großen «Pötte» noch immer von der «Brücke» in Schnaittenbach.

Und obwohl mit Rotterdam der nächste Hochseehafen weit mehr als 700 Kilometer entfernt ist, bereitet Ruttmann der für eine Reederei etwas außergewöhnliche Firmensitz keinerlei Probleme. «Vier bis fünf unserer Schiffe pendeln beispielsweise ständig zwischen Brasilien und den USA. Die kommen nie nach Deutschland», sagt er. «Warum sollten wir unsere Zentrale also in Hamburg oder Bremerhaven haben? Was wir für unsere Geschäfte brauchen, ist ein Flughafen, weil unsere Kunden quer über den Erdball verstreut sind. Und diesbezüglich sind wir auch in Schnaittenbach mit dem Airport München gut angebunden.»

Das einzige, was Ruttmann in der Oberpfalz etwas Kopfzerbrechen macht, ist, qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Die beruflichen Chancen, die die Hochseereederei bietet, haben sich noch nicht überall herumgesprochen. Ruttmann nutzt daher jede Möglichkeit, fähigen Nachwuchs für sein Unternehmen zu gewinnen. Deshalb wirbt er nun auch an der Fachhochschule für angewandte Wissenschaften in Amberg und Weiden mit einem so außergewöhnlichen wie großzügigen Angebot um Mitarbeiter. MST bezahlt angehenden Ingenieuren und Betriebswirtschaftlern das Studium, wenn diese anschließend ein paar Jahre für die Reederei tätig werden.

Ruttmann ist überzeugt davon, dass er mit dieser Initiative zum Erfolg kommt. Dass sich mitten in der Oberpfalz nur Landratten melden könnten, ist für den gebürtigen Hamburger kein Problem. «Wir schicken unsere Kadetten zur Ausbildung an Seemannsschulen in Hamburg und Holland. Dort lernen sie schon, was es heißt, sich eine steife Brise um die Nase wehen zu lassen», sagt er ganz der Seebär. Außerdem beschäftige er schon jetzt viele Mitarbeiter, die das Meer vor ihrer Tätigkeit bei der Reederei auch nur aus dem Urlaub kannten. Aber gerade diese bodenständigen Typen sind Ruttmann am liebsten - und dies nicht nur, weil sie keine Angst vor Piraten haben.

Reinhold Strobl, MdL (SPD)
Birkenweg 33
92253 Schnaittenbach
Tel. 09622 - 70 36 36
Fax 09622 - 70 36 35
Internet: www.reinhold-strobl.de

 

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