SPD Kreisrat André Radszun: Kann man einen Künstler von seinem Werk trennen?
...erhielten die Kreisräte und Gäste des Landkreises auf der letzten Kreistagssitzung in diesem Jahr. Vermutlich ist Ihnen beim Lesen Ihrer Tageszeitung schon ins Auge gefallen, dass die eigentlich freundliche Geste für einige meiner Fraktionskollegen und mich zum Stein des Anstoßes wurde – genauer ihr Inhalt.
In der Zeitschrift für Heimat – Kunst – Kultur für Freizeit – Erholung – Touristik und Umwelt (Band 33. S. 26) wird Dr. Schauwecker, ein Berchinger Arzt und Dichter, vorgestellt, der u.a. mit seinen Heimatstücken ein bedeutendes Werk hinterlassen haben soll. Seine Texte zeugten von “Heimatverbundenheit, seien aber nicht nationalsozialistisch geprägt”, heißt es in der Zeitschrift, obwohl nur wenige Zeilen später eine von Dr. Schauweckers Lobeshymnen auf den “Führer” zitiert wird.
Die Frage, ob Dr. Schauweckers künstlerisches Schaffen wegen seiner glühenden Verehrung des Nationalsozialismus als Ganzes entwertet wird, also auch seine unpolitischen Texte, darf man durchaus stellen. Viel drängender erscheint mir jedoch, die Art des Umgangs mit ihm und seinem Werk zu diskutieren:
Regelrecht befremdlich wird es in ebendieser Zeitschrift, als unter Verweis auf den Bezirksheimatpfleger der Oberpfalz, Dr. Scheuerer, der literarische Nachlass Dr. Schauweckers mit den Worten reingewaschen wird, dass man sich schon die Arbeit machen könne, nachzuforschen, ob er, Dr. Schauwecker, nationalsozialistisches Gedankengut in sich getragen haben könnte, es aber eine Erfahrung sei, dass “immer nur die negativen Dinge haften bleiben und das Bild einer Person prägen in der Öffentlichkeit”.
Müssten, dieser grob fahrlässligen Argumentation folgend, nicht auch Hitlers Malereien neu bewertet werden und nach ihrem künstlerischen Wert – unter Ausblendung der Person – gesucht werden?
Auch aus dem Landratsamt heißt es von Landrat Albert Löhner zu dem Brief aus meiner Kreistagsfraktion, dass man differenzieren müsse zwischen Dr. Schauweckers Schaffen in der Nazizeit und seinen Heimatstücken.
Geht das? Kann man einen Künstler von seinem Werk trennen? Sowohl die Heimatstücke, deren kultureller Wert hervorgehoben wird, als auch die Lobeshymnen auf den Nationalsozialismus stammen aus der Feder desselben Mannes. Davon, ob und in welchem Maße persönliches Gedankengut in Kunst einfließt, möchte ich hier nicht schreiben. Ich halte es jedoch für befremdlich, mit dem Schlaglicht künstlerische Leuchttürme im Schaffen einer Person zu suchen, während verlangt wird, nicht nur ihre künstlerischen Abgründe wohlwollend auszublenden.
Ein denkwürdiges Geschenk ist es also, das dem Kreistag und seinen Gästen gemacht wurde; denkwürdig, weil es nur zu deutlich zeigt, dass das Erbe, das wir aus den dunklen Jahren der Nazizeit heute verwalten, nicht immer gleich schwarz oder gleich weiß ist. Manches ist sicherlich grau. Doch unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, Schwarz von Weiß zu trennen, sondern mit aller gebotenen Vorsicht darauf zu achten, wenn grau gefärbt werden soll.
Vielleicht hätte Hermann Muschaweck, der hinter der Ausgabe der fraglichen Zeitschrift steht, besser daran getan, einen anderen Dichter aus unserer Region zu präsentieren.
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