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Politik der Identifikation

Veröffentlicht am 29.01.2007 in Presse

VON PETER MICHALZIK

Vom Rest des Landes aus betrachtet ist Bayern immer noch eine Mischung aus einer Insel der Seligen und einer kuriosen Kinderei. Den Bayern geht es einfach besser, stellt man mit leichtem Neid fest, sie sind aber auch mehr oder minder liebenswürdige Spinner, mit ihrem Zinnober aus Brauchtum und bayerischem Idiom weitgehend unverständlich. Ganzjährig führen sie eine Art Kasperltheater oder Fasching auf, dessen immerwährendes und unerschöpfliches Motto Bayern heißt.

Und immer wieder stellt das amüsiert-befremdete Land mit Verwunderung fest, dass es sich in diesem ganzjährigen Fasching doch besser lebt.

Dass das nicht eine naturwüchsige Entwicklung, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen und Machtkämpfe war, erinnert heute niemand mehr. Trotzdem hat hier der jahrzehntelang wie in Stein gemeißelte Erfolg der CSU seinen Ausgangspunkt. Die CSU war es, die in den fünfziger Jahren die Bayernpartei aus dem bayerischen Parlament gedrängt - und deren Erbe gleichzeitig übernommen hatte.

Die CSU ist deswegen bundesweit die einzige bedeutende Partei, die mit der Eigenart eines Landes identifiziert wird. Sie ist Bayern - auch wer sich hier über die CSU ärgert, kann sich nur schwer vorstellen, etwas anderes zu wählen. Es wäre in etwa so, als ob man sich ans Ausland verkaufte. Darin liegt der Kern des einzigartigen Erfolgs dieser - ebenfalls etwas kuriosen - Partei.

Die unumschränkte Machtfülle, die sich aus diesem sich selbst stabilisierenden System ergibt, setzt die CSU seit Jahrzehnten gewinnbringend für das Land und für sich ein. Identifikation ist der Boden des bayerischen Erfolgsmodells.

Edmund Stoiber - das ist seine historische Leistung - hat es in den vierzehn Jahren seiner Regierungszeit geschafft, dieses Bayern zu modernisieren, aus dem Industrie- und Technologiestandort, zu dem dieses Agrarland nach 1945 wurde, das Hightech-Land zu machen, das gerade wegen der hochabstrakten, aber weichen Technologie, die verwendet wird, seine Identität bewahren kann. Forschungsreaktoren, Chips, Bytes, Handys und Genforschung vertragen sich mittlerweile besser mit Loden und Leder als traditionelle Industrien.

Wie künstlich diese Verbindung trotzdem bleibt, zeigt die höchst erstaunliche Tatsache, dass es Stoiber gelang, diese Verbindung auch noch zu verkörpern. Stoiber ist von Statur, Wesensart und Auftreten her alles Mögliche, aber sicher nicht bayrisch, auch wenn er immer wieder deutlich macht, dass er aus Oberaudorf stammt und in Wolfratshausen lebt. Dieser steife Technokrat verstand es tatsächlich, die Fülle bayerischer Lebensart darzustellen.

Nun, da auch in Bayern und nicht nur in Deutschland keine Handys mehr produziert werden, ist Stoiber, dessen Macht so ewig schien wie die von Helmut Kohl, ins Wanken geraten. Macht, die unumstößlich war, sieht wie eine fragile Konstruktion aus. Und eine Partei, die jahrzehntelang ein pragmatisch ausgerichteter, fest gefügter, straff geführter Block war, steht mit einem Mal vor einer Zerreißprobe. Die Zeit, die in Bayern auf merkwürdige Weise stillzustehen schien, bewegt sich wieder. Der weltoffene Konservatismus, der alles integrieren konnte, weil an den wesentlichen Dingen - der bayerischen Lebensart und der Macht der CSU- nicht gerüttelt wurde, ist mit einem Mal in Gefahr, eine, wenn auch lange, Episode der bayerischen Geschichte zu werden. Mit Stoiber könnte auch die CSU ihre marktbeherrschende Stellung verlieren - und was wird dann aus Bayern?

Es ist die Unwägbarkeit des Politischen, die Gewalt, die in der Macht steckt, die jetzt ans Licht drängt, wahrscheinlich nur für einen kurzen Moment, bis sich die Dinge neu geordnet haben. Es ist nicht die Initiative einer störrischen fränkischen Landrätin, die Stoiber so zusetzt, es ist der Prozess des Politischen selbst, der ihn erfasst hat. Viele Dramen und Romane seit Shakespeare wissen zum Beispiel, dass die Politik ein Rad ist, das einen nach oben hebt, aber irgendwann unweigerlich auch wieder nach unten bringt. Je höher man steigt, desto tiefer wird man fallen. Es ist erstaunlich, wie sich der schlichte Satz immer wieder bestätigt.

Politik ist das Geschäft mit der Macht, darin unterscheidet sich die Demokratie nicht von anderen Regierungsformen. Politik ist darauf angewiesen - um ihrer eigentlichen Bestimmung, dem Machterhalt zu dienen - , die Interessen zu bedienen und auszugleichen. Tut sich hier eine zu große Lücke auf, beginnt etwas wirksam zu werden, das anfangs niemand bemerkt, das sich aber, je länger der Prozess dauert, als umso unwiderstehlicher und machtvoller erweist. Für eine Zeit meint man dann, dem Politischen selbst zusehen zu können. Wer machtvoll war, wird von einer Bewegung ergriffen, die ihn zu einem Spielball macht. Darin liegt eine tiefe Befriedigung für den Zuschauer, kann er doch nun die Illusion hegen, der wahre Souverän zu sein.

Im konkreten Fall wurde der Verlust der Macht das erste Mal sichtbar, als sich der Bayer weigerte, als Superminister nach Berlin zu gehen und der eigentliche Bundeskanzler zu werden, der Stoiber nach eigener Meinung nach damals war. Es ist das klassische Motiv, die Hybris, die zur Verkennung der Wirklichkeit führt und dadurch der Anfang vom Ende ist. Das Ziel von Stoibers Handeln war damals nicht mehr Machtsicherung oder Machterhalt, das Ziel war, es allen Deutschen zu zeigen, welchen großartigen Kanzler sie in ihm gehabt hätten. Und dann sollte man ihm nachweinen.

Das hat mit Politik nichts mehr zu tun, dafür umso mehr mit Kränkung. Hier begann jener Prozess, der jetzt zur Erosion von Stoibers Macht geführt hat. Dass er die Haltung von damals nicht überwunden hat, das ist es, was vergangene Woche deutlich wurde in seinem Ansinnen, bis 2013 weiterzuregieren. Politik ist oft undurchsichtig und kompliziert, Politik kann aber auch sehr einfach sein.

Ob das bayerische Identifikationsmodell, die Identität von Land, Partei und Landesvater, Stoibers Ende übersteht, wird eine der spannenden Fragen sein.

 

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